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4.000 Menschen fit für KI - so baut man eine AI-fluent Company

VENTURE AI PODCAST mit Joshua Groth

Ein Blick hinter die Kulissen eines der ambitioniertesten Transformationsprogramme

Alle reden über Modelle, Tokens, Co Pilots und GPU Cluster. Kaum jemand redet über die eine Frage, an der jede KI Strategie am Ende scheitert. Wer bringt Tausende Menschen dazu, dieser Technologie zu vertrauen, sie zu verstehen und sie in ihren Arbeitsalltag zu holen.

In den Konferenzräumen der Republik wird KI immer noch so behandelt, als wäre sie die nächste Software Rollout Welle. Man bestellt Lizenzen, schreibt eine Policies Mail, bietet ein, zwei Schulungen an und hofft, dass schon irgendjemand in den Teams etwas damit anfangen wird. Der Rest bleibt, wie es ist. Hierarchie. Entscheidungswege. Mindset.

Genau an dieser Bruchkante arbeitet Joshua Groth. Er ist bei Riverty, dem Finanzdienstleister aus der Bertelsmann Gruppe, verantwortlich für das Programm, das das Unternehmen bis 2027 zu einer AI fluent Company machen soll. Fast 5 000 Menschen sollen KI so selbstverständlich nutzen wie heute E Mail und Videocalls. Nicht als Gimmick. Als Grundkompetenz.

Josh sieht die Gefahr sehr klar. Wer jetzt nur optimiert, statt wirklich zu transformieren, wird 2027 auf einer Rolltreppe stehen, die plötzlich schneller in die falsche Richtung fährt.


17 Umzüge, Homestudio und Filmset

Dass ausgerechnet er diese Aufgabe bekommen hat, ist kein Zufall. Veränderung ist für Joshua keine Folie in einem Slide Deck, sondern Biografie.

17 Umzüge. Neue Städte, neue Schulen, neue Umfelder. Wer so aufwächst, lernt früh, dass Neustart kein Drama sein muss, sondern Routine. Dazu kam früh der Drang, Dinge besser zu machen. Mit 16 richtet er sich ein Homestudio ein. Er mischt andere Künstler ab, schiebt Regler, jagt Sounds durch Effekte, bis es besser klingt.

Später steht er auf Berliner Filmsets, arbeitet erst als Produktionsassistent, dann als Produzent. Er organisiert Abläufe, plant Drehtage, optimiert Setlogistik. Medienmanagement studiert er nicht, weil es hip ist, sondern weil ihn die Macht von Bildern und Geschichten interessiert. Wie man Wahrnehmung steuert, wie man Menschen emotional mitnimmt.

Der Weg in die Unternehmenswelt führt über eine Masterarbeit bei Daimler zur Prozessoptimierung. Dann digitale Transformation, Consulting, Change. Immer geht es um dasselbe Muster. Systeme analysieren, Spannungen sehen, Menschen mitnehmen, Strukturen neu denken.

Heute lebt Josh mit seiner Frau und seinem zweieinhalbjährigen Sohn in Karlsruhe. Am Bodensee baut die Familie gerade ein Haus. Während auf der Baustelle Mauern wachsen, reißt er in der Organisation gedankliche Mauern ein.


Day One Mentality und der Blick vom Sandkasten

Wenn Josh über KI spricht, taucht schnell ein Bild auf, das nichts mit Server Racks zu tun hat, sondern mit Sandkästen. Kleine Kinder, die ausprobieren, fallen, wieder aufstehen, nochmal probieren.

Diese Day One Mentality, wie er sie nennt, ist für ihn der Kern jeder echten Transformation. Neugier statt Zynismus. Spielen statt Zerdenken. Fehler als Iterationen statt als Karriererisiko.

Er sieht es täglich zuhause. Ein Kind, das laufen lernt, macht keine Risikoanalyse. Es macht einen Schritt, fällt hin, probiert es wieder. Genau diese Unschuld im Umgang mit Neuem verlieren Erwachsene in Unternehmen oft. Sicherheit wird über alles gestellt. Veränderung wird als Bedrohung gelesen.

Josh versucht, dieses kindliche Prinzip zurück in eine Organisation zu holen, die gleichzeitig Hochregulierung, Kostendruck und Wettbewerbsdruck spürt. Riverty ist Zahlungsprozessor, Buy Now Pay Later Anbieter, größtes deutsches Inkassounternehmen, Mobility Partner in den Niederlanden und auf dem Weg zur Banklizenz. Es geht um Milliardenflüsse, um Compliance, um Reputation.

Und trotzdem braucht es Räume, in denen Menschen wieder spielen dürfen. KI Tools ausprobieren, ohne Angst vor Blamage. Ideen testen, Use Cases pilotieren, Feedback geben.


Vom Kulturcrash zur Transformationsmarke

Bevor KI auf die Bühne kam, hatte Riverty bereits einen harten Transformationsprozess hinter sich. Aus Avato Financial Solutions, Payco, Afterpay und anderen Einheiten wurde eine gemeinsame Marke geformt.

Alte Welten prallten aufeinander. Hier das eher formelle Corporate Umfeld, in dem man sich siezt. Dort Fintech Teams mit Hoodie und Start up Mentalität. Dazwischen die Bertelsmann Logik mit ihren eigenen Traditionen. Es krachte. Und es musste krachen.

Josh war einer derjenigen, die diesen Prozess moderieren mussten. In Leadership Runden präsentierte er Veränderungsideen, sprach über neue Kultur, kollaborative Strukturen, gemeinsames Wording. Die Reaktionen waren anfangs frostig. Widerstand, verschränkte Arme, Abwehr.

Er entschied sich gegen die klassische Folienbeschallung und für Beteiligung. Er wollte verstehen, welche Ängste die Führungskräfte wirklich hatten. Machtverlust, Identitätsverlust, die Sorge, nur noch ein Rädchen im Konzern zu sein. Wie ein König, dem plötzlich jemand erklärt, dass sein Königreich nun Teil eines größeren Imperiums ist.

Der Schlüssel war, ihnen nicht das Zepter wegzunehmen, sondern ihnen eine neue Rolle anzubieten. Als Mitgestalter und Multiplikatoren. Ideen aus ihren Teams wurden pilothaft umgesetzt. Erfolge wurden sichtbar gefeiert und vor allem an die Teams zurückgegeben.

Ein scheinbar kleiner Indikator zeigte den Wendepunkt. Irgendwann tauchten in Videocalls Transformation Hintergründe auf. Führungskräfte trugen Merchandise des Programms. Die Marke war angekommen. Aus Pflichtterminen wurden Räume, in denen man sich zeigte.


KI als Superkraft, nicht als Jobkiller

Das Muster wiederholt sich jetzt bei der KI Transformation. Nur sind die Frontlinien andere.

Manager und Expertinnen sind heute oft neugierig auf KI. Strategische Risiken kennen sie, aber sie spüren auch die Chancen. Die Angst sitzt eher bei Sachbearbeitungen, im Callcenter, im operativen Backoffice.

Joshs Reflex ist nicht, diese Angst kleinzureden. Er benennt sie offen. Ja, KI wird Arbeit verändern. Ja, Sprachbots werden heute schon Teile von Telefonaten übernehmen. Bei Riverty übernimmt ein Voicebot den lästigen Datenausgleich zu Beginn eines Gesprächs.

Seine zentrale Erzählung klingt trotzdem radikal positiv. KI ist eine Superkraft für alle, die ihren Job heute gut machen. Wer AI ignoriert, wird ein Problem bekommen. Wer sie ernsthaft lernt, wird auf ein neues Leistungsniveau gehoben. Fünfmal so effektiv, wie er es beschreibt. Bessere Qualität, mehr Tempo, mehr Fokus auf das, was wirklich zählt.

Deshalb setzt er nicht nur auf Toolschulungen, sondern auf ein klares Narrativ. KI soll Zeit freischaufeln, nicht Menschen überflüssig machen. Und dort, wo Tätigkeiten tatsächlich perspektivisch verschwinden, spricht er offen über Upskilling und Reskilling. Rollen werden sich verschieben. Fähigkeiten müssen wachsen.


Programm statt Tool Feuerwerk

Viele Unternehmen verwechseln Enthusiasmus mit Strategie. Hier eine Teams Session zu Tool A, dort ein Lunch and Learn zu Tool B, dazu ein paar Lizenzen auf Verdacht. Fertig ist die KI Offensive.

Josh stellt etwas anderes hin. Ein Programm mit klaren Phasen und Zielen.

Erstens Awareness. Ein zentrales AI Space als Startpunkt. Dort finden Mitarbeitende alles, was sie brauchen. Informationen zu Tools, Use Cases, Responsible Usage, Prompting Leitfäden, Cheat Sheets, Trainings.

Zweitens Literacy. Ein Essentials Training, das für alle verpflichtend ist. Rund 85 Prozent Completion Rate sind ein deutliches Signal. Dazu eine verpflichtende Schulung zu Microsoft Copilot, der als Bordmittel tief in den Arbeitsalltag integriert ist. Wichtig ist ihm dabei, dass die Leute nicht nur theoretisch wissen, was KI kann, sondern praktisch etwas damit gemacht haben.

Drittens Enablement. 2025 und 2026 werden zur Zeit der Vertiefung. Eine Ambassador Community, in der Mitarbeitende aus allen Bereichen sitzen, von der Fachabteilung bis zur Sachbearbeitung, pilotiert neue Formate, gibt Feedback, wirkt als Resonanzkörper. Parallel sollen alle Führungskräfte auf ein KI Kompetenzniveau gebracht werden, das deutlich über dem Rest der Organisation liegt.

Viertens Fluency. Zieljahr 2027. Dann soll bei Riverty vor jedem Task ganz automatisch die Frage stehen, ob KI hier sinnvoll unterstützen kann. Wenn ja, wird sie genutzt. Wenn nicht, ist das genauso in Ordnung. KI wird dann kein Projekt mehr sein, sondern Infrastruktur.


Schattenseiten, Deepfakes und die Kinderfrage

Josh ist kein Technologie Romantiker. Gerade weil er Medien- und Kommunikationslogiken so gut kennt, sieht er die dunklen Seiten der KI Welle.

Auf Unternehmensebene ist es das Thema Shadow IT. Mitarbeitende, die aus Zeitdruck sensible Inhalte in private KI Accounts laden, weil interne Lösungen noch nicht reif genug sind. Vorstandsmitschnitte, Protokolle, Kundendaten. In der falschen Cloud können sie schnell zur tickenden Zeitbombe werden.

Riverty versucht, das mit frühzeitigem Enablement zu kontern. Gerade Personal Assistants wurden sehr früh intensiv auf interne Bordmittel trainiert, damit sie nicht in Versuchung geraten, mit privaten Accounts zu arbeiten. Der Deal ist klar. Wir geben euch Tools, mit denen ihr produktiv sein könnt. Ihr haltet euch an die Spielregeln.

Die größere Frage reicht tiefer. Wie erklärt man seinen Kindern in einer Welt der Deepfakes, was echt ist und was nicht. Bilder, die aussehen wie perfekte Fotografie und komplett synthetisch sind. Stimmen, die sich anfühlen wie die eigene Mutter und aus einem Modell stammen.

Josh gibt in seinen Webinaren einfache, aber ehrliche Antworten. Hinterfragt Quellen. Nutzt KI Tools, um generierte Inhalte zu enttarnen. Entwickelt ein Gefühl für Plausibilität. Aber er weiß, dass das nur der Anfang einer gigantischen gesellschaftlichen Lernaufgabe ist.


2027, AGI und die Rolltreppe

Analysten spekulieren darüber, dass um 2027 herum eine neue Stufe der KI erreicht sein könnte. Ob man sie dann AGI nennt oder nicht, ist fast zweitrangig. Entscheidend ist, dass die Geschwindigkeit der Veränderung weiter zunimmt.

Norman Müller, der Gastgeber des Venture AI Podcasts und Leiter des Zertifikatslehrgangs AI, Leadership und Change Management, verwendet dafür ein Bild. Digitalisierung war wie ein Paternoster. Wer eine Kabine verpasst hat, stieg einfach in die nächste.

KI ähnelt eher einer Rolltreppe. Bis 2027 kann man noch vergleichsweise entspannt aufsteigen. Irgendwann wird jemand die Geschwindigkeit erhöhen. Wer dann erst beginnt, Tempo aufzunehmen, rennt mit voller Kraft gegen eine Bewegung an, die längst voraus ist.

Josh und Riverty wollen zu diesem Zeitpunkt nicht mehr mitlaufen, sondern bereits stehen. Mit einer Organisation, in der KI nicht mehr als Fremdkörper empfunden wird, sondern als gewohnter Teil der Arbeit. Mit Führungskräften, die nicht nur genehmigen, sondern vorleben. Mit Mitarbeitenden, die genug Selbstvertrauen haben, um sich ein eigenes Urteil zu bilden.

Am Ende des Gesprächs, kurz vor der obligatorischen Q and A Schnellrunde, bekommt Josh die große Frage gestellt. Wenn er eine Sache auf dieser Welt verändern könnte, mit oder ohne KI.

Seine Antwort ist überraschend untechnisch. Frieden für alle.

Vielleicht ist das der wichtigste Satz. Weil er daran erinnert, dass all die Effizienz, all die Fluency und all die technologischen Sprünge am Ende nur Mittel sind. Und dass es Menschen braucht, die sich um die Richtung kümmern.


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