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KI ist die letzte Chance für Deutschland (#1260)

Die große deutsche Illusion

Deutschland hat sich angewöhnt, die Zukunft wie einen Tagesordnungspunkt zu behandeln. Man nimmt sie zur Kenntnis, bittet um eine Folie dazu, vertagt die Entscheidung und nennt das Strategie. In der Theorie wirkt das vernünftig, in der Praxis ist es eine Form von kollektiver Selbstberuhigung. Denn während hierzulande noch darüber gestritten wird, ob man bei neuen Technologien erst die Risiken oder erst die Chancen zählen müsse, haben andere längst verstanden, dass in der digitalen und nun auch physisch-digitalen Industrie nicht die beste Absicht gewinnt, sondern die höchste Geschwindigkeit.

Genau hier wird das Gespräch zwischen Norman Müller und Prof. Dr. Gunter Dueck scharf. Gunter klingt nicht wie ein Kulturpessimist, sondern wie jemand, der den Ablauf seit Jahrzehnten beobachtet hat und deshalb nicht mehr an Zufälle glaubt. Sein Fatalismus speist sich aus Erfahrung. Er hat Innovationszyklen bei IBM erlebt, hat gesehen, wie Prototypen gebaut und dann in Gremien zerrieben wurden, wie man auf die nächste Messe wartete, auf die nächste Strategiepräsentation, auf die perfekte PowerPoint.

Was ihn besonders umtreibt, ist kein Mangel an Talent oder Kapital, sondern ein verloren gegangenes Zeitgefühl. Deutschland verschiebt zu viel, zu oft, zu selbstverständlich. Termine werden zu Absichtserklärungen, und Absichtserklärungen zu Beruhigungspillen. In einem Umfeld, in dem Plattformen Märkte dominieren, ist das tödlich langsam.

Plattformen statt Produkte

Die eigentliche Verschiebung, über die Gunter spricht, ist keine kosmetische. Es geht nicht um größere Displays oder weniger Knöpfe im Auto. Es geht um Architektur. Um die Frage, ob man zuerst das Betriebssystem denkt und dann das Produkt, oder ob man weiterhin Komponenten zusammenkauft, verkabelt und hofft, dass daraus ein System entsteht.

China baut Software Driven Vehicles. Erst die Software, dann das Auto. Weniger Kabel, weniger Teile, andere Produktionslogik. Als der Ford-Chef Jim Farley nach einem Aufenthalt in Japan von „demütigenden“ Eindrücken sprach und chinesische Fahrzeuge offen lobte, war das mehr als eine PR-Notiz. Es war das Eingeständnis, dass sich die industrielle Basis verschiebt.

Gunter verweist auf Neura Robotics als Gegenbeispiel zum deutschen Kleinmut. Ein Android für Roboter, ein Ökosystem, eine Plattform für Fähigkeiten, die Maschinen lernen können. Sensoranzüge, Bewegungsdaten, Skill-Datenbanken. Das ist strategisches Denken. Nicht ein Produkt, sondern eine Infrastruktur. Doch selbst hier bleibt die Frage offen, ob das Umfeld bereit ist, eine solche Vision durchzuhalten. Eine Plattform braucht Kapital, Partner, Geschwindigkeit und vor allem die Bereitschaft, Verluste als Investition zu begreifen.

Und genau dort wird es kulturell. Als es um Aleph Alpha geht, klingt Gunter fast ärgerlich. Man hätte mehr Kapital aufnehmen können, wollte es aber nicht. Zu viel. Nicht nötig. Kontrollverlust. Während OpenAI mit einer Milliarde startete und Milliarden verbrennt, diskutiert man hier, ob ein paar hundert Millionen nicht schon riskant genug sind. In der Plattformökonomie ist Kapital kein Luxus, sondern Zeitgewinn. Wer zu klein denkt, verliert nicht Geld, sondern Relevanz.

Die Psychologie des Zögerns

An einem Punkt kippt das Gespräch von der Ökonomie in die Psychologie. Gunter greift auf Diagnosen aus der Persönlichkeitsforschung zurück und beschreibt zwanghafte Muster: Listen, Tabellen, Perfektion, Detailversessenheit, das ständige Drehen am Bestehenden. Systeme, die den Ist-Zustand verteidigen, bis der Druck unerträglich wird.

Er sagt es drastisch: Der Zwanghafte verteidigt sein System bis kurz vor dem Zusammenbruch. Erst wenn er dem Abgrund ins Auge sieht, akzeptiert er jede Lösung, die das Problem löst. Es ist ein Bild, das auf Deutschland unangenehm gut passt. Wir lieben Pilotprojekte. Wir lieben saubere Konzepte. Wir wollen Akzeptanz, bevor wir beginnen. Und wir wundern uns, dass andere längst im Markt sind.

Norman versucht im Gespräch immer wieder, die politische Dimension aufzuziehen, das Thema Ministerien, Fördergelder, Digitalstrategien. Gunter bleibt nüchtern. Es gehe nicht primär um Geld, sondern um Einigkeit und Systemdenken. Man könne keinen neuen Wirtschaftszweig aufbauen, wenn man nur eine einzelne Firma fördert. Man brauche Zulieferketten, Plattformen, Standards, Partner. Ein gemeinsames Verständnis, dass man nicht ein Produkt, sondern eine Industrie neu definiert.

Zwischen Hoffnung und Schmerz

Am Ende bleibt keine Apokalypse, sondern eine nüchterne Aussicht. Die Welt geht nicht unter, sagt Gunter. Aber Deutschland könnte vom Produzenten zum Konsumenten werden. Vom Plattformbetreiber zum Aufkleber. Man montiert, vertreibt, reguliert. Die eigentliche Wertschöpfung entsteht anderswo.

Und doch liegt in seinen Worten auch Hoffnung. Deutschland kann das. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren Städte wie Hildesheim zerstört und fünfzehn Jahre später wieder aufgebaut. Wenn der Druck groß genug ist, wenn Einigkeit entsteht, kann dieses Land schnell und entschlossen handeln.

Die unbequeme Frage ist nur, ob wir wieder erst an die Wand fahren müssen, bevor wir uns bewegen. Gunter glaubt, dass es oft so läuft. Norman hofft, dass es auch anders geht. Zwischen diesen beiden Polen bewegt sich die deutsche KI-Debatte.

Vielleicht entscheidet sich die Zukunft nicht an der Frage, ob wir klug genug sind. Sondern daran, ob wir bereit sind, rechtzeitig mutig zu sein.


Über Prof. Dr. Gunter Dueck

Gunter Dueck ist Mathematiker, ehemaliger CTO von IBM Deutschland, Bestsellerautor und einer der pointiertesten Gesellschaftsanalysten im deutschsprachigen Raum. Er beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Innovationskultur, Managementstrukturen und den psychologischen Mechanismen in Organisationen.

Blog: https://www.omnisophie.com

Bücher von Gunter Dueck sind im Buchhandel erhältlich, unter anderem zu den Themen Innovationskultur, Persönlichkeitsstrukturen im Management und gesellschaftliche Transformationsprozesse.


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