5 Kommentare
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Avatar von Timogenes

Werter Herr Müller.

All das mag innerhalb der eigenen Logik von Staat und Technik zutreffen. Auch wenn es einen Werbecharakter hat und Zeitnot suggeriert.

Jedoch ist Palantir ein illegal trainiertes Modell. Es operiert in Kriegsgebieten und unter totaler Missachtung geltenden Datenschutzes und nutzt technologischen Vorsprung zur Entwicklung, Planung und Durchführung von Kriegsverbrechen, Spionage und totalitären Polizeipraktiken. Außerdem erschafft es ein Privatmonopol auf Angelegenheiten der Öffentlichkeit und Rechtsorgane, die nicht vorgesehen ist.

Anstatt sich von den Betreibern erpressen zu lassen und Verkaufsgespräche, gehört Palantir enteignet und die Urheberschaftsfrage ebenso wie die Anwendung und staatliche Kontrolle zuallererst geklärt, anstelle von Verkaufsgesprächen mit einem Freibeuter-Konzern zu führen.

Avatar von Norman Müller

Vielen Dank für Ihren ausführlichen Kommentar. Ich teile einen Teil Ihrer Sorge, insbesondere dort, wo es um Transparenz, demokratische Kontrolle und die Gefahr von Abhängigkeiten geht.

Allerdings würde ich die Debatte bewusst von der Frage lösen, ob Palantir ein „guter“ oder „schlechter“ Anbieter ist. Mein Punkt im Essay ist ein anderer: Selbst wenn ein Anbieter technisch überlegen wäre, darf ein demokratischer Staat nicht die Kontrolle über Einsatzlogik, Zweckbindung und Rechenschaftspflicht aus der Hand geben.

Die von Ihnen angesprochenen Vorwürfe zu Trainingsdaten, Kriegseinsätzen oder möglichen Menschenrechtsverletzungen sind schwerwiegend und müssen sorgfältig geprüft werden. Genau deshalb brauchen wir belastbare gesetzliche Rahmenbedingungen, unabhängige Audits und parlamentarische Kontrolle, statt technologische Entscheidungen allein den Beschaffungsprozessen oder den Anbietern selbst zu überlassen.

Die eigentliche Frage lautet für mich daher: Wie stellen wir sicher, dass der Staat moderne Technologien nutzen kann, ohne dabei demokratische Souveränität, Grundrechte und Ausstiegsfähigkeit zu verlieren?

Darüber sollten wir deutlich intensiver diskutieren als über einzelne Unternehmen.

Avatar von Timogenes

Bei allem Respekt. Diese Debatte, welche ihnen vorschwebt ist längst geschehen. Es geht nicht um die Frage “gut” und “böse” es geht um die Fähigkeiten und den Verwendungszweck.

Natürlich müssen wir über das Unternehmen sprechen. Seit 2008 ist Palantir inzwischen im Dienst des US Militärs und wird dort angewendet, bei der Terroristenjagd in Afghanistan und im Irak. Diese sind und waren nie mit internationalem Recht vereinbar. Auch wenn das die USA erfahrungsgemäß nicht interessiert.

Die Software wird seit 2017 auch massiv von der US Bundespolizei eingesetzt. Woher stammen also wohl die Daten, mit welchen Palantir angeblich als alleinstehender neutraler Anbieter agiert? Sagen sie es mir bitte. Der Genozid in Gaza liefert Daten für das Training des Palantirsystems. Der Putsch im Venezuela. Das Vorgehen der ICE Milizen gegen die Bevölkerung.

Die Daten stammen von paramilitärischen Einsätzen, Kriminalitätsbekämpfung, Informationskriegsaktionen und vielem mehr aus aller Welt. Hoheitliche Bereiche souveräner Staaten. Diese Daten haben nichts bei einem “Privatanbieter” verloren.

Wenn wir also nicht über “Einzelunternehmen” sprechen gut, dann sprechen wir doch über genau die Staaten und deren Beschaffungsmentalität sowie die Anwender, namentlich Regierung, Militär und Polizei.

Sollten diese überhaupt derart i transparent diese Daten erheben und verwalten dürfen? Und was sagt es über deren Entwickler und Befürworter aus, sich durch derartige undurchsichtige Firmenkonstrukte und Strohmannargumente geflissentlich den relevanten Fragen und Transparenz geboten zu entziehen?

Die angesprochenen “Vorwürfe” gehen aus der Selbstauskunft seitens Palantir und der US Army hervor. Was darüberhinausgeht an detaillierten Informationen, können sie sich ableiten. Aber gewiss wird niemand diese Antworten detailliert veröffentlichen und niemand wird je eine Verhandlung darüber führen, an der der Bürger beteiligt würde. Das wissen sie so gut wie ich. Stichwort Geheimhaltung.

Was sie hier fordern, ist nicht weniger als eine Schimärendebatte. Eine, die verschleiert, dass diese Machtbefugnisse und Beschaffungspolitik längst durch die digitale Hintertür in die Hand von Privatanbietern gewechselt sind.

Über was spricht ihre Arbeitsgruppe eigentlich den ganzen Tag? Wie man Palantir kauft, es aber nicht so nennt? Das gigantische Lizenzgeschäft mit dieser Software ist in erster Linie eine Frage staatlicher Souveränität und des Geldes, also des Preises. Von einem Monopolisten kaufen ist immer richtig teuer.

Doch wer außer den USA hat ein vergleichbares Produkt? Sie wollen nicht über Unternehmen sprechen, sondern über prinzipielle Beschaffung? Das ist kein offener Markt, das wissen sie so gut wie ich.

Nicht über Palantir zu sprechen bedeutet, am Thema vorbeizureden.

So wie über “deutsche Automobilbranche” zu sprechen, aber VW, Mercedes und BMW nicht zu erwähnen.

Ich wüsste nicht warum das Zielführend sein sollte. Wer es läuft, wird abhängig, wer es nicht kauft wird damit bekämpft werden. Das ist das “Angebot”.

Sie plädieren also für schnell Palantir (oder ähnliche Produkte, ha. Ha. Ha.) kaufen, dann geht es schneller, bis die Lizenzgebühren die Entwicklungskosten einer eigenentwickelten Alternative übersteigen?

Geht das überhaupt? Können wir (als DE und EU) das überhaupt? Düeften wir es? Sollten wir es überhaupt? Was tut dieses System eigentlich?

Nun es ermittelt mögliche “Gefährder” und Angriffsziele. Es geht um die automatische Zielerkennung in ganz großem Stil. Vollautomatisch, mit freundlichem Man-in-the-loop Alibi.

Ob sie die Debatte vom Grundsatz oder vom Anbieter her führen, es bleiben dieselben Fragen. Und diese Aspekte vermisse Ich schmerzlich in ihrer Betrachtung.

Ihre Sachlichkeitsbemühungen in allen Ehren, aber das ist professionelle Augenwischerei vom aller feinsten. Und ich halte sie für zu gut informiert und thematisch involviert um dem glaubwürdig zu widersprechen.

Avatar von Norman Müller

Vielen Dank für Ihren ausführlichen Beitrag. Tatsächlich liegen wir in einem wesentlichen Punkt näher beieinander, als es vielleicht auf den ersten Blick erscheint.

Ich bestreite weder die geopolitische Dimension von Palantir noch die Frage nach Herkunft, Nutzung und Kontrolle der Daten. Im Gegenteil: Genau deshalb halte ich die Debatte für so wichtig.

Mein Essay verfolgt allerdings einen anderen Fokus. Ich wollte nicht die Unternehmensgeschichte von Palantir analysieren, sondern die Frage stellen, warum demokratische Staaten überhaupt in Situationen geraten, in denen einzelne Anbieter eine derart zentrale Stellung einnehmen können.

Denn selbst wenn Palantir morgen vom Markt verschwinden würde, bliebe die Grundfrage bestehen: Nach welchen Regeln beschafft der Staat KI gestützte Analyse- und Entscheidungssysteme? Wer kontrolliert die Einsatzlogik? Wer trägt Verantwortung? Wie verhindern wir technologische und politische Abhängigkeiten?

Sie haben recht, dass man über Palantir sprechen muss. Ich würde nur ergänzen: Es reicht nicht, über Palantir zu sprechen. Wir müssen über die Strukturen sprechen, die solche Abhängigkeiten überhaupt ermöglichen.

An einer Stelle widerspreche ich Ihnen allerdings. Ich plädiere weder für die Anschaffung von Palantir noch für eine schnellere Einführung solcher Systeme. Mein Argument lautet gerade, dass Kontrolle, Transparenz und demokratische Legitimation vor der Beschaffung geklärt werden müssen, nicht danach.

Die Fragen, die Sie am Ende aufwerfen, halte ich deshalb für die eigentlich entscheidenden: Können Europa und Deutschland eigene Alternativen entwickeln? Wollen wir das? Und welche Grenzen setzen wir automatisierter Mustererkennung und Gefährderprognosen in einem demokratischen Rechtsstaat?

Genau dort beginnt für mich die Debatte.

Avatar von Timogenes

Danke diese Einlassungen und Erklärungen.

Ich behaupte auch nicht das ihre Schlussfolgerungen nicht korrekt wären, jedoch befürchte ich sie schätzen das Ausmaß und Umfeld falsch ein, in dem diese Entscheidungen längst getroffen worden sind.

Ich schreibe es vielleicht als Antwort Beitrag lieber in einem eigenen Artikel.