0:00
/

KI und Roboter: Wer braucht uns noch? (#1314)

Podcast Talk mit Prof. Dr. Gunter Dueck

Was passiert mit unserem Selbstbild, wenn Maschinen auch die Arbeit übernehmen können, auf die wir stolz sind? Norman Müller spricht mit Prof. Dr. Gunter Dueck, Mathematiker, Informatiker und ehemaligem Chief Technology Officer von IBM Deutschland, über sein neues Buch „Die neue Krone der Schöpfung“. Gunter entwickelt darin eine Zukunftsvision humanoider Roboter und fragt, wie viel von unserem Arbeitsverhalten wir schon heute nach festen Vorgaben ausrichten.

Im Gespräch geht es um mögliche Unterstützung im Alter, Roboterfähigkeiten zum Nachladen und Deutschlands Rolle zwischen Zulieferindustrie und eigenen Produkten. Gunter erzählt außerdem, wie er selbst Veränderungen im Geschäft mit Büchern und Vorträgen erlebt. Wir diskutieren, welche Aufgaben Menschen künftig übernehmen könnten und weshalb ein technischer Fortschritt allein noch keine Antwort auf die berufliche Zukunft jedes Einzelnen gibt.

  • 00:00 Gunter Dueck und die neue Krone der Schöpfung

  • 01:25 KI als nächste Kränkung unseres Selbstbilds

  • 03:33 Teamfähigkeit, Kreativität und die Grenzen heutiger KI

  • 07:20 Welche Aufgaben bleiben uns Menschen?

  • 08:48 Der Funktionsmensch: Arbeit nach Anreizen und Vorgaben

  • 15:38 Deutschlands Chance in der humanoiden Robotik

  • 16:58 NEURA Robotics und die Idee nachladbarer Fähigkeiten

  • 19:30 Roboterhände und der Preis deutscher Perfektion

  • 24:06 Warum ein Haushalt so schwer zu automatisieren ist

  • 25:11 Roboter als Begleiter im Alter

  • 27:34 Selbstständigkeit, Einsamkeit und Beziehungen zu Maschinen

  • 30:28 Uncanny Valley: Wie menschlich sollen Roboter aussehen?

  • 33:41 Sicherheit und kulturelle Unterschiede im Umgang mit Robotern

  • 35:08 Photonische Chips und die Frage nach marktfähigen Produkten

  • 38:53 Was Autoindustrie und Robotik verbindet

  • 40:33 Entscheidungen, Kooperationen und Umsetzungstempo

  • 43:14 Xiaomi als Beispiel für industrielle Geschwindigkeit

  • 47:11 Wann Menschen einer neuen Technik vertrauen

  • 50:26 Konkrete Anwendungen statt pauschaler Zukunftsurteile

  • 52:43 Wie Gunter Veränderungen bei Vorträgen und Büchern erlebt

  • 55:17 Die Idee einer dirigierenden Rolle für Menschen

  • 57:24 Pflege, Generationen und demografischer Wandel

  • 01:01:04 Regeln für Roboter und das Buch zur Folge


Liest du hier regelmäßig mit? Dann unterstütze unsere Arbeit mit einem bezahlten Abo.


Wir haben die Paywalls abgeschafft. Jede Woche veröffentlichen wir neue Essays und Podcast-Folgen, auf die du kostenlos zugreifen kannst.

Wenn du unsere Arbeit unterstützen möchtest, freuen wir uns über ein bezahltes Abo. Damit kannst du auch an unseren Podcast Live-Talks teilnehmen, im Live-Chat mitdiskutieren und dich im Substack Community Chat austauschen. Zugleich hilfst du uns, weitere Essays zu schreiben und spannende Podcast-Gäste einzuladen.


Shownotes

Prof. Dr. Gunter Dueck ist Mathematiker, Informatiker und Autor. Als ehemaliger Chief Technology Officer von IBM Deutschland beschäftigt er sich mit technischen Veränderungen und ihren Folgen für Arbeit und Gesellschaft. Zu seinen Büchern gehören „Schwarmdumm“ und „Das Neue und seine Feinde“. In dieser Folge spricht er als Autor über die Überlegungen hinter seinem neuen Buch „Die neue Krone der Schöpfung“.


Was wird aus unserer Arbeit, wenn Roboter mehr können?

Gunter erzählt von seinem Enkel. Zum sechsten Geburtstag fragt er ihn, ob er gern einen Roboter hätte. Die Antwort kommt ohne philosophischen Umweg: Er soll das Spielzimmer aufräumen. Ausgerechnet diese scheinbar kleine Aufgabe hält Gunter für schwierig. Zwischen Spielsachen, persönlichen Vorlieben und wechselnder Unordnung müsste die Maschine verstehen, was wohin gehört und was sie besser liegen lässt.

Die Geschichte passt zu unserem Gespräch. Wir wünschen uns einen Helfer, der uns Arbeit abnimmt. Sobald wir genauer hinsehen, müssen wir klären, welche Arbeit wir meinen und woran wir erkennen, dass die Maschine sie zuverlässig erledigt. Ein Kind möchte sein Zimmer aufgeräumt haben. Ein älterer Mensch braucht vielleicht jemanden, der ihn beim Einkaufen begleitet. Ein Unternehmen sucht eine Lösung für einen bestimmten Handgriff.

Prof. Dr. Gunter Dueck denkt diese Wünsche in seinem Buch „Die neue Krone der Schöpfung“ weiter. Seine Zukunftsvision fordert unser Selbstbild heraus: Wie reagieren wir, wenn Maschinen auch Fähigkeiten übernehmen, mit denen wir bisher unseren eigenen Wert begründet haben?

Der Funktionsmensch als Vorlage für die Maschine

Gunter führt einen Begriff ein, an dem ich hängen bleibe: den Funktionsmenschen. Er meint damit Menschen, deren Verhalten im Beruf durch Abläufe, Anreize und Erwartungen geprägt ist. Sie sollen freundlich auftreten, Aufgaben nach Vorgabe erledigen und sich im Team so verhalten, wie das Unternehmen es verlangt.

Seine These lautet, dass sich gerade solche ausdrücklich beschriebenen Verhaltensweisen als Vorlage für Maschinen eignen könnten. Wer von Beschäftigten vor allem erwartet, dass sie vorgegebene Schritte ausführen, muss damit rechnen, dass auch Maschinen für diese Schritte entwickelt werden. Gunter überträgt diesen Gedanken auf humanoide Roboter und auf das soziale Verhalten, das wir uns von ihnen wünschen könnten.

Das ist eine weitreichende Zukunftserwartung. Aus einem höflichen Dialog mit einem Sprachmodell folgt noch keine verlässliche Hilfe in einer Wohnung oder einem Pflegeheim. Im Gespräch interessiert mich aber auch die Frage an uns selbst: Welche Freiräume nutzen wir bei unserer Arbeit? Wo entscheiden wir, hinterfragen einen Ablauf oder übernehmen Verantwortung für etwas, das sich vorher niemand genau überlegt hat?

Wenn wir über menschliche Stärken sprechen, sollten wir an solchen konkreten Situationen ansetzen. Sonst erklären wir eine Fähigkeit zur letzten menschlichen Bastion und müssen unsere Behauptung nach dem nächsten technischen Fortschritt wieder zurücknehmen.

Hilfe im Alter braucht einen klaren Auftrag

Beim Thema Pflege wird die Diskussion greifbar. Gunter stellt sich einen Roboter vor, der Zeit für Menschen hat, an das Essen erinnert, ein Lied singt oder jemanden zu einem Spaziergang ermuntert. Er beschreibt mögliche Formen der Begleitung. Einen Menschen aus dem Bett zu heben ist eine andere Aufgabe, mit anderen körperlichen Anforderungen und Folgen bei einem Fehler.

Ich bringe die Vorstellung ein, mit Unterstützung länger in der eigenen Wohnung leben zu können. Gemeinsam einkaufen gehen, Einkäufe tragen lassen oder eine Erklärung wiederholen können, ohne sich für die erneute Nachfrage zu schämen: An solchen Beispielen lässt sich über einen möglichen Nutzen sprechen. Ob ein bestimmter Roboter das sicher und bezahlbar leisten kann, müsste man jeweils prüfen.

Gunter widerspricht auch der Vorstellung, ein Roboter müsse einem Menschen äußerlich möglichst nahekommen. Er spricht über das Uncanny Valley, also das Unbehagen, das eine beinahe menschliche Erscheinung auslösen kann. Vielleicht wäre uns ein erkennbarer Roboter oder eine freundlich gestaltete Figur angenehmer.

Für mich steckt darin eine Gestaltungsfrage: Wie soll sich die Unterstützung für den Menschen anfühlen, der sie tatsächlich nutzt? Ein Hersteller kann eine beeindruckende Maschine vorführen. Ob jemand mit ihr in seiner Wohnung leben möchte, erfahren wir erst, wenn wir seine Wünsche ernst nehmen und die Technik im Alltag prüfen.

Deutschlands Ingenieure müssen das ganze Produkt mitdenken

Wir sprechen über NEURA Robotics und die Idee, Roboter mit zusätzlichen Fähigkeiten auszustatten. Gunter beschreibt dafür das Bild eines Marktplatzes: Eine Maschine bekommt für eine bestimmte Aufgabe die passende Fähigkeit. Sein Beispiel ist das Spargelstechen. Im Gespräch diskutieren wir ein mögliches Geschäftsmodell, keine Zusage, dass sich jede Tätigkeit bereits so nachladen lässt.

Daran schließt sich unsere Frage nach Deutschlands industrieller Rolle an. Gunter nennt die technische Schwierigkeit von Roboterhänden und kritisiert den Anspruch, jedes Bauteil bis zur Perfektion zu entwickeln. Er möchte früher prüfen, ob ein Produkt für seinen Zweck geeignet ist und zu einem Preis angeboten werden kann, den Kunden bezahlen.

Ich teile seine Sorge, dass wir zu oft bei einzelnen Komponenten stehen bleiben. Wer das gesamte Produkt entwickelt, entscheidet auch über dessen Anwendung und die Beziehung zum Kunden. Deshalb interessiert mich, wie Unternehmen ihre Erfahrung aus bestehenden Industrien für neue Produkte nutzen könnten.

Bei einem Roboter für die Wohnung gehört Sicherheit zu dieser Entwicklung. Im Gespräch sage ich selbst, dass ich bei einem Gerät in der Nähe meiner Kinder andere Fragen stellen würde als bei einer Maschine in einer abgegrenzten Halle. Ein konkreter Einsatzbereich hilft, diese Anforderungen zu bestimmen. Dann lässt sich auch genauer entscheiden, welche Fähigkeiten für die erste brauchbare Version nötig sind.

Die eigene Rolle verändert sich nicht von allein

Gunter betrachtet die Veränderung auch aus seiner eigenen beruflichen Perspektive. Er erzählt, wie während der Pandemie Aufträge für Vorträge ausblieben und wie er heute zusätzliche Konkurrenz durch KI-gestützte Präsentationen und Zusammenfassungen erlebt. Das ist seine persönliche Beobachtung. Sie macht verständlich, weshalb ihn die Frage nach der Zukunft von Arbeit selbst beschäftigt.

Ich schlage im Gespräch das Bild eines Orchesters vor. Vielleicht liegt ein Teil unserer künftigen Arbeit darin, Aufgaben zu verteilen, Werkzeuge auszuwählen und ihr Zusammenspiel zu gestalten. Dazu müssten wir verstehen, was eine Maschine leisten kann, welche Ergebnisse wir brauchen und wann wir eingreifen müssen.

Gunter antwortet mit dem Taxifahrer, dessen bisherige Tätigkeit wegfallen könnte. Sein Einwand begrenzt mein Bild zu Recht. Ein neues Rollenverständnis schafft noch keinen Arbeitsplatz für jeden Menschen, der seine bisherige Arbeit verliert. Wer über den Übergang spricht, muss auch erklären, wie Menschen neue Fähigkeiten aufbauen und wovon sie in dieser Zeit leben können.

Zum Schluss kommen wir auf das Altern und das Verhältnis zwischen den Generationen zurück. Wir sehen in Robotik eine mögliche Unterstützung für Aufgaben, für die Menschen fehlen könnten. Wie viel davon gelingt, hängt an den Fähigkeiten und am tatsächlichen Einsatz der Systeme. Ich möchte deshalb genauer über die nächste konkrete Aufgabe sprechen: Wem würde eine Maschine helfen, was müsste sie dafür können, und wer übernimmt die Verantwortung für ihren Einsatz?


Liest du hier regelmäßig mit? Dann unterstütze unsere Arbeit mit einem bezahlten Abo.


Wir haben die Paywalls abgeschafft. Jede Woche veröffentlichen wir neue Essays und Podcast-Folgen, auf die du kostenlos zugreifen kannst.

Wenn du unsere Arbeit unterstützen möchtest, freuen wir uns über ein bezahltes Abo. Damit kannst du auch an unseren Podcast Live-Talks teilnehmen, im Live-Chat mitdiskutieren und dich im Substack Community Chat austauschen. Zugleich hilfst du uns, weitere Essays zu schreiben und spannende Podcast-Gäste einzuladen.


Unsere digitale Plattform ist Ihr Zugang zu praxisnaher Qualifizierung im Bereich Künstliche Intelligenz, speziell für Entscheider:innen und Teams im Mittelstand.

Ob kompakte Webinare, vertiefende Online-Kurse oder interaktive Branchenformate: Hier lernen Sie, was Sie wirklich brauchen, um KI im eigenen Unternehmen sicher und gewinnbringend einzusetzen.

Wenn du uns dabei unterstützen möchtest, diesen Podcast zu einer Allianz von Zukunftsarchitekten der KI-Transformation zu machen, in der wir offen über Chancen, Risiken und reale Erfahrungen mit Künstlicher Intelligenz sprechen, dann abonniere uns auf Substack, YouTube, Spotify oder Apple Podcasts. Dein Abonnement kostet dich nichts, hilft uns aber sehr, noch mehr herausragende Persönlichkeiten für tiefgehende und inspirierende Podcast Gespräche zu gewinnen. Vielen Dank für deinen Support.

Darüber hinaus laden wir dich ein, Teil der Plattform des Bundesverbands für KI-Transformation e.V. zu werden. Hier vernetzen sich mittelständische Unternehmen, KI Expertinnen und Experten, Startups sowie Vertreterinnen und Vertreter aus Forschung und Wissenschaft, um Wissen zu teilen, Erfahrungen auszutauschen und um an konkreten KI-Projekten zu arbeiten. In unserer Podcast Community kannst du dich einbringen, mitdiskutieren und den Bundesverband als Mitglied aktiv unterstützen und mitprägen.

Zur Plattform:

https://www.venture-ai-germany.space

Vernetze dich mit Norman auf LinkedIn:

https://www.linkedin.com/in/muellernorman

Diskussion über dieses Video

Avatar von User

Sind Sie bereit für mehr?